#Gewalt an Frauen – Über Anerkennung von Erfahrungswissen

„Opfer“ – „Betroffene“ – „Überlebende“: Reflexionen zum Diskurs über Frauen mit Gewalterfahrungen
POSTSCRIPT zur AÖF Tagung, 5-6.Juni 2014

Von Birgit Wolf

Wie geht es Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt außerhalb der Hilfseinrichtungen und nach erfolgter Trennung? Wie sehen ihre Lebenskontexte und Erfahrungen drei, fünf oder zehn Jahre nach dem Ausstieg aus der Gewaltbeziehung aus? In der Tat wissen wir sehr wenig, mit Ausnahme von Prävalenzstudien, die berichten, dass Frauen oft mehr als einmal häusliche Gewalt erleben.

Reflexionen zur öffentlichen und internen Diskussion – soweit überhaupt vorhanden – rund um die Begriffe „Opfer”, „Betroffene“, „Überlebende” von geschlechtsbasierter Partnergewalt und deren Bedeutung für die Präventionsarbeit wären durchaus wünschenswert für die Weiterentwicklung eines Betroffene ermächtigenden Ansatzes für 33% der Frauen in der EU, die seit dem Alter von 15 Jahren eine Form von körperlicher und/oder sexueller Gewalt erleben.[1]

Betrachten wir den Mediendiskurs zum Thema geschlechtsbasierte Beziehungsgewalt an Frauen ganz generell, so können wir zwar eine Zunahme des öffentlichen Interesses am Thema verzeichnen, die Qualität der Berichterstattung weist jedoch nach wie vor starke Mängel auf. Eine Meta-Analyse (Wolf 2013, a, b, c) zur Darstellung von (Beziehungs-) Gewalt an Frauen in den Medien ergab, dass das weitverbreitete soziale Problem (1) eher als individuelles Problem, (2) eher in Form von Klischees, Stereotypien und Mythen repräsentiert ist, (3) Konzepten von Sensationalismus und Dramatisierungen folgt, (4) Berichterstattung von gesellschaftlichen Zusammenhängen fehlt und (5) dadurch ein Mangel an Klarheit und Wissensvermittlung vorherrscht, um das komplexe Phänomen zu verstehen. Die Stimme von Betroffenen selber bleibt bis auf ganz wenige Ausnahmen im Unsichtbaren, Hintergrund dazu und Ursachen stellen eine Forschungslücke dar.[2]

Meines Erachtens wäre es dringend notwendig, das Erfahrungswissen von Frauen mit Gewalterfahrung explizit zu dokumentieren und zu erforschen. Erfahrungswissen basiert (1) auf die Kenntnis vieler vergleichbarer „Fälle“, (2) auf der Kenntnis vieler „Situationen“ mit sehr unterschiedlichen Anforderungen, z.B. Kenntnis von Alarmsituationen; (3) auf sog. Umgangserfahrung inklusive denkbarer Risiken, Fehler, sowie möglichen Ursachen und Vermeidungsmöglichkeiten; auf (4) wahrnehmungs- und erlebnisgestützten, sowie wegen der bereits vorhandenen (Vor-) Erfahrungen sehr subtilem und differenzierten Erfahren oder Erfassen gegenwärtigen Geschehens[3]. Erfahrungswissen entsteht im Prozess der Ausführung derjenigen Tätigkeiten, für deren erfolgreiche Bewältigung es benötigt wird (ebd.). Dh. (Gewalt)Erfahrungs-/Überlebenswissen ist auch als Expertinnenwissen zu begreifen. Daher ist mir die Perspektive auf das Erfahrungs- und Überlebenswissen von gewaltbetroffenen Frauen ein sehr wichtiges Anliegen.

Durch meine Forschungsarbeit in Spanien und Vortragstätigkeit habe ich Survivor-Frauen als Aktivistinnen kennengelernt, die bei Konferenzen lautstark vertreten sind, eigene Kampagnen, Workshops durchführen und ihre eigenen Organisationen gründen, wie beispielweise die Fundación ANA BELLA in Sevilla, Spanien[4] oder die SOAR Support and Advocacy Group in Malta[5].

Diese Frauen als Überlebende von Partnergewalt und Aktivistinnen brechen mit der stereotypen Darstellung von Gewaltbetroffenen als passive, ohnmächtige Opfer. Vielmehr werden durch sie die Kraft und Anstrengung, der Mut und Erfolg ihres Weges aus der Gewaltbeziehung deutlich. Sie entwickeln aus ihrem Erfahrungswissen heraus ganz spezifische Angebote für Betroffene, stellen Forderungen und erweitern bestehende Diskurse. Dadurch entsteht ein umfassenderes Serviceangebot einerseits, sowie ein die Stimme und Position Überlebender (Survivor Women) von Partnergewalt als Aktivistinnen/Expertinnen inkludierender Diskurs.

Conclusio

Bislang haben wir es in Österreich nicht geschafft, ein Klima herzustellen, das es Frauen ermöglicht, auch öffentlich über ihre Gewalterfahrung zu sprechen, ohne dabei Stigmatisierung und Vorurteile zu riskieren. Als Ausnahme dabei kann Autorin Karin Pfolz gelten, die ihre Partnergewalterfahrungen in einem Buch veröffentlicht hat und in der Öffentlichkeit aktiv ist. Auch Frauenhäuser als Institutionen die über mehrere Wochen und Monate Betroffene beherbergen, betreuen und dadurch ganz nah am Alltag und dem Erfahrungswissen von Gewaltbetroffenen sind, können hier viel zu einer Veränderung der Perspektive und des Diskurses beitragen.

Die AÖF-Frauenhäuser thematisierten in jüngster Vergangenheit verstärkt die Unsichtbarkeit und fehlende Stimme von Gewaltbetroffenen als  Survivor-Frauen bzw. Überlebende von Partnergewalt. Bereits im Jänner diskutierten wir, die Leiterinnen der AÖF-Frauenhäuser in einem spezifischen Workshop zur Repräsentation in Medien den stark opferzentrierten Diskurs und die Unsichtbarkeit von Frauen, die es geschafft haben. Die im Juni stattgefundene bundesweite AÖF-Tagung stand daher ganz im Zeichen neuer Impulse in der Frauenhausarbeit. Gemeinsam mit Birgit Wolf (Konzept und Leitung) haben AÖF-Frauenhausmitarbeiterinnen und -leiterinnen diese Diskussion unter dem Titel „Opfer – Betroffene – Überlebende: Reflexionen zum öffentlichen und internen Diskurs über Frauen mit Gewalterfahrungen“ fortgesetzt. In der Folge gab es auch eine Presseaussendung und einen ORF Beitrag in der ZIB 2 Häusliche Gewalt / domestic violence mit K. Pfolz und B. Wolf: http://youtu.be/9Y6hX-DCOAU

Zitieren als: Wolf, Birgit (2014). „Opfer – Betroffene – Überlebende: Reflexionen zum öffentlichen und internen Diskurs über Frauen mit Gewalterfahrungen“. Postscript zur AÖF Tagung, 5-6.Juni 2014.

Kontakt: office@birgitwolf.net

Creative Commons License
this article by Birgit Wolf is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International License.

Literatur:
[1] European Union Agency for Fundamental Rights (2014): Violence against women: an EU-wide survey.
[2]  Wolf, B. (2013a) Gender-based violence and the challenge for visual representation. Comunicació. revista de recerca i d’anàlisi; n.30, vol. 1, Maig, ISSN   2014-0304, ISSN-e: 2014-0444, p. 193-216
Wolf, B. (2013b) Gender-based violence and the media. Representations of intimate partner violence: Information or disinformation? In: Oliveira, Victoria (ed.), Intercultural Communication, Representations and Practices: A Global Approach. Book CDRom, ISBN 978-989-98240-0-3, Centro de Estudos Interculturais (CEI), Instituto Superior de Contabilidade e Administração, Instituto Politécnico do Porto (ISCAP): Porto, Portugal.
Wolf, B. (2013c). ‘Shaping the visual’ of gender based violence. How visual discourse on intimate partner violence and European anti-violence initiatives construct accounts of the social world. PhD thesis, Universitat Autònoma de Barcelona, Spain.
[3] Kaufhold, M. (2006) Analyse und Beurteilung von Verfahren der Kompetenzerfassung.Wiesbaden: VS / GWV, S. 110 ; Plath, H.-E.(2002). Erfahrungswissen und Handlungskompetenz – Konsequenzen für die berufliche Weiterbildung, In: IAB-Kompendium Arbeitsmarkt- und Berufsforschung., S. 518
[4] www.fundacionanabella.org
[5]
http://www.antidemalta.com/Services/Support%20Groups/SOAR%20Support%20Group.htm
Weitere Forschungs-, Workshop- und Tagungsunterlagen Birgit Wolf; siehe Publikationen unter: https://genderview.wordpress.com/about/publications
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2 Responses to #Gewalt an Frauen – Über Anerkennung von Erfahrungswissen

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